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Unsichtbare Fesseln, Teil 1: Retterrolle, Ausreden, Vergangenheit, Vergleiche
Von Markus Beforth · Artikel erstellt am 23.09.2026 · Podcastfolge vom 18.08.2025

Es gibt Dinge, die uns festhalten, ohne dass sie jemand sieht: Gedanken, Rollen, Gewohnheiten, Vergleiche. Ich nenne sie unsichtbare Fesseln, weil sie keinen Lärm machen. Sie wirken vertraut, bequem und oft sogar anerkannt – und genau das macht sie hartnäckig.
In dieser vierteiligen Reihe gehe ich durch 16 solcher Muster. Hier sind die ersten vier. Du musst sie nicht alle bearbeiten. Es reicht, eines zu erkennen.
1. Die Rolle des Retters
Du bist derjenige, der alles regelt. In der Familie, im Freundeskreis, im Job. Du bist die Schulter, der Vermittler, der Krisenmanager. Von außen klingt das nach Stärke: Auf Dich ist Verlass.
Innen sieht es oft anders aus – erschöpft, manchmal leer. Das Schwierige daran ist, dass Du die Rolle irgendwann mit Deiner Identität verwechselst. Dahinter stecken meist zwei Antriebe: das Bedürfnis nach Anerkennung und die Sorge, was passiert, wenn Du einmal Nein sagst.
Ein Bild aus der griechischen Mythologie trifft es: Atlas trägt den Himmel auf den Schultern – und ist dabei völlig allein. Wer alles trägt, zerbricht irgendwann.
Das Lösen dieser Fessel braucht keinen Knall. Es ist ein stiller Entschluss: Ich darf Nein sagen, und ich darf zuerst für mich sorgen. Ein Satz, der mir dafür gut gefällt: „Ich schätze Dein Vertrauen sehr, aber im Moment habe ich dafür keinen Raum.“ Mehr dazu in Nein sagen ohne schlechtes Gewissen.
2. Ausreden, die sich als Logik verkleiden
Heute nicht. Morgen. Du bist noch nicht bereit. Dir fehlt die Zeit. Das Tückische an Ausreden ist, dass sie vernünftig klingen: Ich fange mit Sport an, wenn es ruhiger wird. Ich bewerbe mich, wenn das Timing stimmt. Ich starte, wenn ich bereit bin.
Dieser Moment kommt nicht. Jeder Aufschub wird zur Routine, jedes Morgen zu einem Nie – und irgendwann glaubst Du Deinen eigenen Sätzen. Aus dünnem Papier wird in Deinem Kopf eine Mauer.
Seneca hat sinngemäß geschrieben, dass uns das Leben davonläuft, während wir auf es warten. Genau das ist die Falle: Du wartest, und die Zeit läuft trotzdem.
3. Was Dich an ein Gestern bindet
Nicht nur alte Möbel oder Briefe: Es sind Erinnerungen und ungelöste Geschichten, die Gewicht haben. Ein Foto, das Dich in eine unglückliche Zeit zurückzieht. Ein Geschenk von jemandem, der längst nicht mehr zu Deinem Leben gehört.
Dazu gibt es eine buddhistische Erzählung: Zwei Mönche kommen an einen Fluss. Einer trägt eine Frau hinüber. Stunden später spricht sein Begleiter noch darüber. Der erste antwortet sinngemäß: Ich habe sie am Ufer abgesetzt – Du trägst sie immer noch.
Genau das tun wir mit alten Geschichten. Wir tragen sie weiter, lange nachdem die Situation vorbei ist. Und häufig gilt: Wenn außen Raum entsteht, entsteht auch innen Raum.
4. Der ständige Vergleich mit anderen
Diese Fessel ist heute stärker als früher, weil wir jederzeit vergleichen können. Und wir vergleichen fast immer unsere Hinterbühne mit dem Höhepunkt anderer: Traumkörper, Traumhaus, Traumurlaub. Kein Wunder, dass man sich dabei klein fühlt.
Der Satz, der das für mich am besten trifft, wird Theodore Roosevelt zugeschrieben: Vergleich ist der Dieb der Freude. Solange Du Deinen Wert an fremden Maßstäben misst, verlierst Du Deinen eigenen.
Die nützliche Frage in dem Moment, in dem Du Dich beim Vergleichen ertappst: Wessen Maßstab benutze ich hier gerade? Dazu passt Die Perspektive entscheidet.
Deine Übung für diese Woche
- Beobachte einen Tag lang, wie oft Du Ja sagst, obwohl Du Nein meinst – nur zählen, nicht bewerten.
- Sage danach bei einer Sache bewusst ab: freundlich, klar, ohne lange Rechtfertigung.
- Schreibe Deine drei größten Ausreden auf und beantworte: Was würde ich tun, wenn ich sie nie wieder benutzen dürfte?
- Nimm eine Schublade und frage bei jedem Gegenstand: Passt das zu meinem heutigen Ich – oder hält es mich in einer alten Version fest?
- Notiere drei eigene Maßstäbe, an denen Du Dich künftig misst, statt an anderen.
Weiter geht es mit den Fesseln fünf bis acht in Teil 2.
Folge 70 anhören
Dieser Artikel basiert auf Folge 70 von „Erfolg ist kein Glück“: „Die größten Bremsen deines Lebens (und wie du sie sprengst) (1/4)“ vom 18.08.2025.
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